Warum gibt es immer mehr Autismus-Diagnosen? Zahlen aus Deutschland und Europa eingeordnet
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Autismus-Diagnosen nehmen zu – auch in Deutschland. Doch steigende Diagnosezahlen verraten nicht automatisch, ob Autismus selbst häufiger geworden ist. Ein Blick auf deutsche Krankenkassendaten und europäische Studien zeigt, warum diese Unterscheidung entscheidend ist.
Von Dr. med. Max Tiefenbacher, Facharzt für Neurologie | Stand: Oktober 2026
In Gesprächen, Dokumentationen und sozialen Medien ist Autismus heute deutlich sichtbarer. Erwachsene berichten von späten Diagnosen. Eltern suchen nach Erklärungen für die Schwierigkeiten ihrer Kinder. Gleichzeitig kursiert der Vorwurf, Autismus sei zur „Modediagnose“ geworden.
Das greift zu kurz. Ebenso wenig kann behauptet werden, der gesamte Anstieg sei bereits abschließend erklärt. Um die Entwicklung zu verstehen, müssen wir zunächst klären, was die Zahlen überhaupt messen.
Mehr Autismus oder mehr erkannte Fälle?
Die Prävalenz beschreibt, wie häufig eine Erkrankung oder ein Merkmal in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe vorkommt. Die Diagnoseprävalenz erfasst dagegen den Anteil mit dokumentierter Diagnose. Menschen, deren Autismus bisher nicht erkannt wurde, fehlen in solchen Diagnosestatistiken.
Ein vereinfachtes Beispiel: Eine Schule veranlasst zunächst vor allem bei Kindern mit sehr auffälligen Schwierigkeiten eine Abklärung. Später werden auch Kinder untersucht, die sprachlich gut zurechtkommen, aber erhebliche Probleme mit sozialer Kommunikation oder Veränderungen haben. Die Diagnosezahl kann steigen, ohne dass deshalb mehr autistische Kinder geboren worden sein müssen.
Wie stark Erkennung und Erfassung die beobachtete Zunahme erklären, ist allerdings nicht für jedes Land und jeden Zeitraum bekannt. Auch die US-Gesundheitsbehörde CDC weist auf diese Unsicherheit hin. [1]
Autismus in Deutschland: Was aktuelle Krankenkassendaten zeigen
Die hkk-Krankenkasse veröffentlichte im April 2026 eine Auswertung ihrer Abrechnungsdaten. Bei Versicherten bis zum Alter von 24 Jahren stieg der erfasste Anteil mit Autismus-Spektrum-Störung:
| Jahr | Anteil mit erfasster Autismus-Spektrum-Störung |
| 2013 | rund 0,4% |
| 2022 | rund 0,8% |
| 2024 | rund 1,0% |
Innerhalb dieser Daten hat sich der Anteil deutlich erhöht. Die Auswertung zeigt aber nicht die tatsächliche Häufigkeit von Autismus in der gesamten deutschen Bevölkerung. [2]
Dafür gibt es mehrere Gründe: Untersucht wurden Versicherte einer einzelnen Krankenkasse und eine begrenzte Altersgruppe. Abrechnungsdaten bilden dokumentierte Diagnosen ab. Außerdem kann sich die Zusammensetzung der Versicherten über die Jahre verändern.
Die Zahlen belegen einen Anstieg der erfassten Diagnosehäufigkeit. Über seine Ursachen entscheiden sie allein nicht.
Was bedeutet die US-Zahl „eins von 31“?
Die häufig zitierte Zahl stammt aus dem Beobachtungsnetzwerk ADDM der CDC. Für 2022 wurde bei ungefähr einem von 31 achtjährigen Kindern in 16 untersuchten US-Regionen Autismus erfasst. Im Jahr 2000 lag der entsprechende Wert bei etwa einem von 150 Kindern. Das entspricht annähernd einer Verfünffachung der erfassten Prävalenz. [3]
Daraus folgt jedoch nicht, dass weltweit jedes 31. Kind autistisch ist. Die Erhebung beschreibt bestimmte Regionen und einen bestimmten Kinderjahrgang. Auch die beteiligten Standorte und Erfassungsverfahren haben sich über die Zeit verändert.
Vor allem darf man die amerikanischen gut drei Prozent nicht unmittelbar mit dem einen Prozent aus den deutschen hkk-Daten vergleichen. Altersgruppen, untersuchte Bevölkerungen und Methoden unterscheiden sich. Die Werte erlauben keine einfache Rangliste zwischen Ländern.
Europäische Forschung: Wer genauer sucht, findet zusätzliche Fälle
Eine Untersuchung aus der italienischen Provinz Pisa macht deutlich, wie die Suche nach bislang unerkannten Fällen das Ergebnis beeinflussen kann.
Im europäischen Projekt ASDEU untersuchten Antonio Narzisi und sein Team sieben- bis neunjährige Kinder. Sie berücksichtigten vorhandene Informationen und suchten mit einem mehrstufigen Verfahren zusätzlich nach Kindern ohne bisherige Autismus-Diagnose.
Unter Einbeziehung zusätzlich identifizierter Fälle lag die ermittelte Häufigkeit bei rund einem Prozent. Eine ergänzende statistische Schätzung ergab etwa 1,15 Prozent, entsprechend ungefähr einem Kind von 87. Die Untersuchung bezog sich auf 2016 und wurde 2018 online veröffentlicht. [4]
Das ist keine einheitliche „Autismus-Rate für Europa“. Es handelt sich um eine regionale Studie; zudem beruht der abschließende Wert teilweise auf statistischen Annahmen. Sie zeigt aber anschaulich, warum vorhandene Diagnosen und eine aktive Suche nach unerkannten Fällen unterschiedliche Ergebnisse liefern können.
Veränderte Diagnosekriterien: Ein Teil der Erklärung
Das Verständnis von Autismus hat sich über Jahrzehnte verändert. Ein enges öffentliches Bild – etwa ein Kind mit auffälliger Sprachentwicklung und deutlich sichtbaren Kontaktproblemen – wird der Vielfalt autistischer Menschen nicht gerecht.
Im Diagnosemanual DSM-5 wurden 2013 mehrere zuvor getrennte Kategorien unter Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst, darunter das Asperger-Syndrom. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Kriterien für jede Person automatisch leichter zu erfüllen wären. [5]
Für Deutschland kommt ein Unterschied hinzu: Zur amtlichen Verschlüsselung von Diagnosen gilt 2026 weiterhin die ICD-10-GM. Das DSM-5 ist hier nicht das amtliche Kodiersystem. [6]
Die Erklärung „Seit 2013 gibt es das Spektrum, deshalb steigen überall die Zahlen“ übersieht somit unterschiedliche Klassifikationen und einen Wandel, der lange vorher begonnen hatte.
Dänemark: Wie Meldeverfahren eine Statistik verändern
Stefan Hansen, Diana Schendel und Erik Parner untersuchten Registerdaten von fast 678.000 Menschen, die zwischen 1980 und 1991 in Dänemark geboren worden waren.
Dort änderten sich 1994 die diagnostischen Kriterien. Ab 1995 wurden zusätzlich ambulant gestellte Diagnosen in das betreffende Register aufgenommen. Nach dem statistischen Modell der 2015 veröffentlichten Studie konnten beide Veränderungen zusammen etwa 60 Prozent des beobachteten Anstiegs erklären. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall war mit 33 bis 87 Prozent allerdings breit. [7]
Was folgt daraus? Erfassungsänderungen können einen erheblichen Teil einer Zunahme erklären. Die restlichen 40 Prozent sind jedoch kein Beweis für eine tatsächliche Zunahme. Dieser Anteil kann weitere, im Modell nicht erfasste Einflüsse enthalten.
Ebenso wenig lassen sich die 60 Prozent pauschal auf heutige deutsche oder amerikanische Daten übertragen. Die Studie betrifft bestimmte historische Veränderungen und Geburtsjahrgänge in Dänemark.
Warum Autismus manchmal erst im Erwachsenenalter erkannt wird
Eine späte Diagnose bedeutet nicht, dass Autismus erst im Erwachsenenalter entstanden ist. Nach den diagnostischen Kriterien reichen die Merkmale in die frühe Entwicklung zurück. Sie können jedoch erst deutlicher auffallen, wenn Anforderungen steigen oder erlernte Strategien nicht mehr ausreichen. [5]
Ein veranschaulichendes Beispiel: Eine Person führt im Beruf scheinbar mühelos Gespräche. Tatsächlich achtet sie bewusst auf Blickkontakt, bereitet Antworten vor und beobachtet ständig die Reaktionen anderer. Nach außen wirkt sie sicher. Zu Hause braucht sie lange Ruhe.
Das kann zu autistischen Erfahrungen passen. Es reicht allein nicht für eine Diagnose.
Der Begriff Masking oder Camouflaging beschreibt das Verbergen oder Ausgleichen autistischer Merkmale im sozialen Kontakt. Solche Strategien können dazu beitragen, dass Schwierigkeiten weniger sichtbar werden. Soziale Erschöpfung oder Reizempfindlichkeit sind für sich genommen aber nicht spezifisch für Autismus.
Soziale Medien: Wiedererkennen ersetzt keine Abklärung
Erfahrungsberichte können Menschen Worte für Schwierigkeiten geben, die sie lange nicht einordnen konnten. Sie können ein Anlass sein, fachliche Hilfe zu suchen.
Problematisch wird es, wenn allgemeine Alltagserfahrungen als sichere Autismus-Zeichen dargestellt werden: ungern Small Talk führen, Routinen mögen oder nach Begegnungen erschöpft sein. Aus einzelnen Gemeinsamkeiten lässt sich keine Diagnose ableiten.
Eine sorgfältige Abklärung untersucht deshalb die Entwicklung seit der Kindheit, das Muster der Merkmale und ihre Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen. Sie prüft auch andere Erklärungen und mögliche Begleiterkrankungen, etwa soziale Angst, Depressionen oder Zwangsstörungen. Die britische NICE-Leitlinie sieht ausdrücklich eine solche umfassende Einschätzung vor. [8]
Ein Online-Selbsttest kann Hinweise liefern. Eine fachliche Diagnostik ersetzt er nicht. Auch eine andere Erklärung als Autismus macht bestehende Schwierigkeiten nicht weniger real.
Ist eine tatsächliche Zunahme von Autismus ausgeschlossen?
Nein. Bessere Erkennung und veränderte Dokumentation erklären wichtige Teile der Entwicklung. Die verfügbaren Zahlen erlauben jedoch keine lückenlose Aufteilung aller Ursachen.
Dabei müssen zwei Fragen getrennt werden:
- Welche Faktoren tragen zur Entwicklung von Autismus bei?
- Welche Veränderungen erklären den Anstieg dokumentierter Diagnosen?
Genetische und weitere umweltbezogene Faktoren können die frühe Gehirnentwicklung beeinflussen. Ein bekannter Risikofaktor erklärt aber nicht automatisch eine zeitliche Zunahme der Diagnosen. [9]
Für die Behauptung, Impfungen verursachten Autismus, ergibt die hochwertige wissenschaftliche Evidenz keinen ursächlichen Zusammenhang. Die WHO bestätigte diese Bewertung nach erneuter Prüfung im Dezember 2025. [10]
Offene Forschungsfragen rechtfertigen es nicht, unbelegte Ursachenbehauptungen als gleichwertige Erklärung zu behandeln.
Was die Zahlen für Betroffene bedeuten
Die Bezeichnung „Modediagnose“ wird der Forschung und den Lebensgeschichten Betroffener nicht gerecht. Umgekehrt hilft es wenig, jede Unsicherheit aus der Debatte auszublenden.
Für manche Menschen macht eine Diagnose langjährige Erfahrungen verständlicher. Andere benötigen umfangreiche Unterstützung im Alltag. Das Spektrum umfasst sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Hilfebedarfe, bis hin zu lebenslanger Betreuung. [9]
Deshalb endet die Aufgabe nicht mit einer Diagnose. Entscheidend ist, welche Unterstützung daraus folgt: in der Schule, am Arbeitsplatz, im Familienleben und in der gesundheitlichen Versorgung.
Mehr erkannte Menschen brauchen passende Hilfen. Dafür müssen wir weder jede Zunahme zur Krise erklären noch behaupten, alle Ursachen seien bereits geklärt.
Häufige Fragen zu steigenden Autismus-Diagnosen
Ist Autismus heute wirklich häufiger als früher?
Mehr Menschen werden als autistisch erkannt und erfasst. Wie stark zusätzlich die tatsächliche Häufigkeit verändert ist, lässt sich aus den Diagnosezahlen allein nicht zuverlässig bestimmen.
Wie häufig ist Autismus in Deutschland?
Eine allgemeingültige Zahl lässt sich aus der hier beschriebenen hkk-Auswertung nicht ableiten. Ihr Ergebnis betrifft dokumentierte Diagnosen bei Versicherten bis 24 Jahre und keine bevölkerungsweite Untersuchung aller Altersgruppen.
Kann Autismus erst mit 40 oder 50 Jahren beginnen?
Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung, deren Merkmale in die frühe Entwicklung zurückreichen. Die Diagnose kann erst Jahrzehnte später gestellt werden. Neu aufgetretene Beschwerden sollten deshalb nicht vorschnell allein mit Autismus erklärt werden.
Bedeutet ein hoher Wert im Autismus-Selbsttest eine Diagnose?
Nein. Ein Fragebogen kann eine Abklärung anregen. Entscheidend ist die fachliche Gesamtbeurteilung einschließlich Entwicklungsgeschichte, Alltagsbeeinträchtigungen und anderer möglicher Erklärungen.
Mehr verständliches Wissen über Autismus: Auf NeuroWissen TV finden Sie weitere Videos zu Autismus bei Erwachsenen, Masking und diagnostischer Einordnung. Berichten Sie gern in den Kommentaren, welche Fragen Sie beschäftigen – bitte ohne Diagnosen über andere Personen zu stellen.
Quellen
- CDC: Autism Data Visualization Tool.
- hkk, 01.04.2026: Mehr Kinder und Jugendliche mit Autismus.
- CDC: Data and Statistics on Autism Spectrum Disorder und ADDM-Bericht für 2022.
- Narzisi A et al.: Prevalence of Autism Spectrum Disorder in a large Italian catchment area: a school-based population study within the ASDEU project. Online 2018, Epidemiology and Psychiatric Sciences 29, e5. DOI: 10.1017/S2045796018000483.
- CDC: Clinical Testing and Diagnosis for Autism Spectrum Disorder.
- BfArM: ICD-10-GM 2026.
- Hansen SN, Schendel DE, Parner ET (2015): Explaining the Increase in the Prevalence of Autism Spectrum Disorders: The Proportion Attributable to Changes in Reporting Practices. JAMA Pediatrics 169(1), 56–62. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2014.1893.
- NICE CG142: Autism spectrum disorder in adults – Recommendations.
- WHO: Autism, Fact sheet, 17.09.2025.
- WHO, 11.12.2025: No link between vaccines and autism.
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung. Anhaltende oder zunehmende Beschwerden sollten medizinisch beziehungsweise psychotherapeutisch abgeklärt werden.
Über den Autor
Dr. Max Tiefenbacher ist Facharzt für Neurologie und Gründer von NeuroWissen.com sowie des YouTube-Kanals NeuroWissen TV. Sein Schwerpunkt liegt darauf, neurologische und medizinische Zusammenhänge wissenschaftlich fundiert, verständlich und mit Blick auf den konkreten Alltag von Betroffenen zu erklären.
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