Können Statine Nervenschäden verursachen? Was Sie über Kribbeln, Taubheit und Polyneuropathie wissen sollten

Können Statine Nervenschäden verursachen? Was Sie über Kribbeln, Taubheit und Polyneuropathie wissen sollten


Millionen Menschen nehmen Statine – doch kennen Sie diese mögliche Nebenwirkung?

Statine gehören weltweit zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Sie senken den LDL-Cholesterinspiegel und reduzieren nachweislich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Für viele Menschen sind sie daher ein unverzichtbarer Bestandteil der Herz-Kreislauf-Prävention.

Doch immer wieder berichten Betroffene über Beschwerden wie:

  • Kribbeln in Händen oder Füßen
  • Taubheitsgefühle
  • Brennende Schmerzen
  • Missempfindungen
  • Unsicherheit beim Gehen

Kann dahinter tatsächlich eine Nebenwirkung von Statinen stecken?

Die kurze Antwort lautet:

Möglich – aber selten.

In diesem Artikel erfahren Sie, was die wissenschaftliche Forschung dazu sagt, wer besonders aufmerksam sein sollte und wie Sie richtig handeln, ohne Ihre Gesundheit zu gefährden.


Was ist eine Polyneuropathie?

Unter einer Polyneuropathie versteht man eine Schädigung mehrerer peripherer Nerven.

Typische Beschwerden sind:

  • Kribbeln („Ameisenlaufen“)
  • Brennen
  • Taubheit
  • vermindertes Berührungsempfinden
  • Schmerzen
  • Gangunsicherheit

Die Symptome beginnen meist an den Füßen und steigen langsam nach oben auf.

Viele Erkrankungen können eine Polyneuropathie verursachen, beispielsweise:

  • Diabetes mellitus
  • Vitamin-B12-Mangel
  • Alkohol
  • Nierenerkrankungen
  • bestimmte Medikamente

Genau hier kommen Statine ins Spiel.


Können Statine tatsächlich Nervenschäden verursachen?

Die Antwort ist differenziert.

Eine statinassoziierte periphere Neuropathie wird in Fachinformationen einiger Statine als mögliche Nebenwirkung erwähnt.

Allerdings handelt es sich um eine seltene Komplikation, deren genauer Zusammenhang wissenschaftlich bis heute nicht eindeutig geklärt ist.


Wie könnten Statine die Nerven beeinflussen?

Forscher diskutieren derzeit mehrere biologische Mechanismen.

1. Einfluss auf die Myelinscheide

Nervenfasern besitzen eine schützende Isolationsschicht – die sogenannte Myelinscheide.

Diese enthält unter anderem Cholesterin.

Eine Theorie lautet:

Eine langjährige und starke Senkung der körpereigenen Cholesterinproduktion könnte theoretisch Reparaturprozesse der Myelinscheide beeinträchtigen.

Dadurch könnten Nervensignale schlechter weitergeleitet werden.

Mögliche Folgen:

  • Kribbeln
  • Taubheitsgefühl
  • Brennen
  • Sensibilitätsstörungen

2. Verminderung von Coenzym Q10

Statine hemmen nicht nur die Cholesterinsynthese.

Sie beeinflussen gleichzeitig die Bildung von Coenzym Q10.

Coenzym Q10 spielt eine wichtige Rolle in den Mitochondrien – den Kraftwerken unserer Zellen.

Vor allem energiehungrige Gewebe benötigen ausreichend Q10:

  • Muskulatur
  • Herzmuskel
  • Nervenzellen

Eine verminderte Energieversorgung könnte theoretisch Nervenzellen empfindlicher gegenüber Schädigungen machen.

Wichtig:

Diese Mechanismen sind wissenschaftliche Hypothesen und bislang nicht abschließend bewiesen.


Was sagen wissenschaftliche Studien?

Die Studienlage ist nicht vollständig einheitlich.

Frühere Studien

Eine dänische Studie aus dem Jahr 2002 berichtete über ein erhöhtes Risiko für Polyneuropathien unter einer langfristigen Statintherapie.

Dies sorgte damals für große Aufmerksamkeit.

Neuere Untersuchungen

Spätere Studien konnten diesen Zusammenhang jedoch nicht eindeutig bestätigen.

Insbesondere große Meta-Analysen zeigen:

  • Statine sind insgesamt sehr sichere Medikamente.
  • Die meisten vermuteten Nebenwirkungen treten nicht häufiger auf als unter Placebo.
  • Auch eine Polyneuropathie wurde insgesamt nicht signifikant häufiger beobachtet.

Einige Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass

  • hohe Dosierungen
  • und eine sehr lange Einnahmedauer

das Risiko möglicherweise leicht erhöhen könnten.

Ein wissenschaftlicher Konsens besteht hierzu jedoch derzeit nicht.


Wer sollte besonders aufmerksam sein?

Auch wenn das Gesamtrisiko gering ist, gibt es Personengruppen, die besonders aufmerksam sein sollten.

1. Langjährige Einnahme hoher Statin-Dosen

Je länger und höher dosiert die Therapie erfolgt, desto genauer sollten mögliche Symptome beobachtet werden.


2. Menschen mit Diabetes

Diabetes ist die häufigste Ursache einer Polyneuropathie.

Da Statine zusätzlich das Risiko für einen Typ-2-Diabetes geringfügig erhöhen können, lohnt sich hier eine besonders sorgfältige Beobachtung.


3. Ältere Menschen

Mit zunehmendem Alter nehmen Regenerationsfähigkeit und Medikamentenabbau ab.

Dadurch steigt grundsätzlich das Risiko für Nebenwirkungen.


4. Patienten mit bereits bestehenden Nervenschäden

Beispielsweise bei

  • Vitamin-B12-Mangel
  • chronischem Alkoholkonsum
  • Nierenerkrankungen
  • bereits bestehender Polyneuropathie

könnten zusätzliche Belastungen stärker ins Gewicht fallen.


Welche Symptome sollten Sie ernst nehmen?

Suchen Sie ärztlichen Rat, wenn neu auftreten:

  • Kribbeln in Händen oder Füßen
  • Brennen der Fußsohlen
  • Taubheitsgefühl
  • Gefühlsstörungen
  • Unsicherheit beim Gehen
  • stechende Nervenschmerzen

Besonders dann, wenn diese Beschwerden nach Beginn oder Dosiserhöhung einer Statintherapie auftreten.


Was Sie auf keinen Fall tun sollten

Bitte setzen Sie Statine niemals eigenmächtig ab.

Für viele Menschen überwiegt der Nutzen der Therapie die möglichen Risiken bei weitem.

Ein plötzliches Absetzen kann das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall deutlich erhöhen.

Die richtige Vorgehensweise besteht immer darin, gemeinsam mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt die Situation zu beurteilen.


Der 3-Schritte-Plan bei Verdacht auf eine Statin-Nebenwirkung

1. Symptome dokumentieren

Führen Sie ein Symptomtagebuch.

Notieren Sie:

  • Art der Beschwerden
  • Lokalisation
  • Zeitpunkt
  • Dauer
  • Stärke (0–10)

2. Medikamente überprüfen

Schreiben Sie auf:

  • welches Statin Sie einnehmen
  • Dosierung
  • Einnahmedauer
  • Beginn der Beschwerden

3. Das Gespräch mit Ihrem Arzt suchen

Ein guter Gesprächseinstieg könnte lauten:

„Ich habe seit einiger Zeit Kribbeln in den Füßen und habe meine Beschwerden dokumentiert. Ich habe gelesen, dass eine periphere Neuropathie selten als mögliche Nebenwirkung von Statinen beschrieben wird. Könnte das bei mir eine Rolle spielen?“

So entsteht ein sachliches und konstruktives Arztgespräch.


Welche Alternativen gibt es?

Falls tatsächlich ein Zusammenhang vermutet wird, können – ausschließlich gemeinsam mit dem behandelnden Arzt – verschiedene Möglichkeiten besprochen werden:

  • Umstellung auf ein anderes Statin
  • Dosisreduktion
  • Kombination mit Ezetimib
  • Bempedoinsäure
  • PCSK9-Inhibitoren

Welche Option sinnvoll ist, hängt immer vom individuellen Herz-Kreislauf-Risiko ab.


Fazit

Statine gehören zu den wichtigsten Medikamenten zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall. Ihr Nutzen ist wissenschaftlich hervorragend belegt und überwiegt für die meisten Patientinnen und Patienten mögliche Risiken deutlich.

Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass eine periphere Neuropathie als seltene mögliche Nebenwirkung diskutiert wird. Ein eindeutiger ursächlicher Zusammenhang konnte bislang jedoch nicht für die Allgemeinbevölkerung nachgewiesen werden.

Deshalb gilt:

  • Medikamente niemals eigenständig absetzen.
  • Neue Beschwerden ernst nehmen.
  • Symptome dokumentieren.
  • Gemeinsam mit dem behandelnden Arzt die beste Lösung finden.

So können Sie aktiv zu Ihrer Gesundheit beitragen, ohne auf eine wirksame Therapie zu verzichten.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Können Statine Kribbeln in den Füßen verursachen?

Ja, Kribbeln oder Taubheitsgefühle werden als seltene mögliche Nebenwirkung beschrieben. Ein sicherer ursächlicher Zusammenhang ist wissenschaftlich jedoch nicht eindeutig belegt.

Welche Statine kommen infrage?

Beschrieben wurde dies unter anderem für:

  • Atorvastatin
  • Simvastatin
  • Rosuvastatin

Die Nebenwirkung gilt insgesamt als selten.

Sollte ich mein Statin sofort absetzen?

Nein. Ein eigenständiges Absetzen kann das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöhen. Besprechen Sie Beschwerden immer mit Ihrem behandelnden Arzt.

Kann eine Polyneuropathie wieder verschwinden?

Je nach Ursache können sich Beschwerden bessern oder zurückbilden. Voraussetzung ist eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung der zugrunde liegenden Ursache.


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