Vagus-Masterclass – Teil 2 – Alarm vs. Sicherheit – wie dein Nervensystem entscheidet

Alarm vs. Sicherheit: Wie dein Nervensystem entscheidet

Warum Entspannung oft nicht funktioniert – obwohl du es willst

Kennst du das Gefühl, eigentlich zur Ruhe kommen zu wollen, aber dein Körper macht einfach nicht mit?

Dein Herz schlägt schneller, die Muskeln bleiben angespannt, der Atem flach – und egal wie sehr du dich bemühst: Entspannung stellt sich nicht ein.

Die gute Nachricht: 👉 Das liegt nicht an mangelnder Disziplin oder falscher Technik.

Die ehrliche Antwort ist neurobiologisch – und sie beginnt mit einer einfachen Frage deines Nervensystems.


Dein Nervensystem stellt nur eine Frage: Sicherheit oder Gefahr?

Für dein Nervensystem ist nicht entscheidend, ob eine Situation logisch, harmlos oder rational erklärbar ist.

Es fragt ausschließlich:

Bin ich sicher – oder nicht?

Diese Bewertung passiert automatisch, innerhalb von Millisekunden – lange bevor dein bewusster Verstand eingreift.

Herzfrequenz, Atmung, Muskelspannung, Hormonlage und Darmaktivität liefern ständig Informationen an dein Gehirn.

👉 Erst danach versucht dein Kopf zu erklären, was dein Körper längst entschieden hat.


Alarmmodus: Wenn Schutz wichtiger wird als Wohlbefinden

Wird eine Situation als potenziell unsicher bewertet, schaltet dein Nervensystem in den Alarmmodus.

Typische körperliche Reaktionen sind:

  • beschleunigter Herzschlag

  • flache oder schnelle Atmung

  • erhöhte Muskelspannung

  • innere Unruhe oder Nervosität

  • reduzierte Verdauungsaktivität

Das ist kein Fehler – sondern ein hochwirksamer Überlebensmechanismus.

Problematisch wird es, wenn dieser Zustand nicht mehr endet.

Dann bleibt der Körper in einer dauerhaften Bereitschaft, auch ohne reale Gefahr.

Viele Menschen sagen dann:

  • „Ich kann einfach nicht abschalten.“

  • „Ich bin ständig angespannt.“

  • „So bin ich halt.“

Neurobiologisch gesehen lebt das Nervensystem in diesem Fall in einem chronischen Alarmzustand.


Sicherheitsmodus: Warum er sich nicht erzwingen lässt

Der Gegenspieler des Alarms ist der parasympathische Zustand – also Regeneration, Ruhe und Erholung.

Doch dieser Zustand lässt sich nicht per Willenskraft einschalten.

Warum?

Weil Sicherheit kein Gedanke, sondern ein Körpersignal ist.

Das Nervensystem reagiert auf:

  • ruhige, tiefe Atmung

  • nachlassende Muskelspannung

  • gleichmäßige Rhythmen

  • vorhersehbare Reize

  • körperlich empfundene Orientierung

👉 Ein Körper im Alarmmodus hört nicht auf Befehle.
👉 Er reagiert nur auf Signale von Sicherheit.

Deshalb scheitern viele Entspannungsübungen nicht an der Methode – sondern am Zeitpunkt.


Warum dein Verstand oft zu spät kommt

Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, man müsse nur „anders denken“, um ruhiger zu werden.

Doch neurobiologisch gilt:

  • Das Nervensystem entscheidet zuerst

  • Der Verstand erklärt danach

Wenn der Körper bereits im Alarm ist, wirken gut gemeinte Gedanken wie:

  • „Ich darf jetzt nicht nervös sein.“

  • „Reiß dich zusammen.“

  • „Das ist doch harmlos.“

oft sogar verstärkend auf den Stress.

Nicht, weil Denken falsch ist – sondern weil Denken im Alarm kein Sicherheitsbeweis darstellt.


Der Schlüssel liegt in Regulation, nicht in Kontrolle

Langfristige Ruhe entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Regulation des Nervensystems.

Das bedeutet:

  • Alarm erkennen, statt bekämpfen

  • Körpersignale ernst nehmen

  • Sicherheit langsam wieder erfahrbar machen

Genau hier spielt der Vagusnerv eine zentrale Rolle – als wichtigste Verbindung zwischen Körper und Gehirn im parasympathischen System.


Fazit: Du bist nicht „zu sensibel“ – dein Nervensystem ist wachsam

Wenn dein Körper schnell in Alarm geht, bist du nicht schwach, falsch oder kaputt.

Dein Nervensystem hat gelernt, vorsichtig zu sein.

Der entscheidende Schritt ist nicht, mehr Druck zu machen – sondern zu verstehen, wie dein Nervensystem entscheidet.

👉 Erst dann wird echte, nachhaltige Entspannung möglich.


👉 Wie geht es weiter?

In der nächsten Folge klären wir, warum Entspannung oft nicht wirkt, selbst wenn man „alles richtig macht“.

Wenn dich das interessiert, schau dir unbedingt das nächste Video der Serie an und abonniere unseren YouTube-Kanal auf neurowissen.com.


 

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